Heffalumps

Winnie Pooh stand vor seinem Vorratsschrank und betrachtete stolz sein Werk.
"Zehn neue Honigtöpfe", seufzte er glücklich.
"Wie schön für dich", sagte Tigger, "aber pass bloss auf, dass heute Nacht nicht das schreckliche Heffalump kommt und deinen ganzen Honig auffrisst."

"Das schreckliche Heffalump?" fragte Pooh. "Es ist ein schrecklicher Vielfraß!", sagte Tigger. "Hast du es gesehen?", wollte Pooh wissen. "Nein", erwiderte Tigger, "aber es ist noch schlimmer, wenn man es nicht sieht. Wenn sich ein Heffalump in der Nähe herumtreibt, kann man nicht vorsichtig genug sein."
"Ich werde auf der Hut sein", sagte Pooh. "Graurrrrr!", machte Tigger zum Spaß. "Bis dann, Pooh!"
"Gute Nacht, Tigger." Pooh schloss die Tür. Sein Haus kam ihm plötzlich unheimlich groß und leer vor.
Pooh kletterte in sein Bett und zog sich die Decke bis hoch an die Nasenspitze. So blieb er eine ganze Weile liegen.
"Das schreckliche Heffalump", dachte er. "Ich muß die Augen offen halten..." Er gab sich alle Mühe, nicht einzuschlafen, aber schliesslich fielen ihm doch die Augen zu.
Plötzlich wurde Poohs Haus wie von einem Erdbeben erschüttert. Ein großes, rotes Heffalump brach durch die Tür. Es zerdepperte das Geschirr und warf die Tischlampen um. Dann stapfte es zu Poohs Vorratsschrank und verschlang drei Töpfe Honig.
"O nein!", rief Pooh.

Das Heffalump drehte sich um. Es starrte Pooh mit seinen schrecklichen grünen Augen an und schniefte mit seiner langen blauen Nase. "Ho-ho!", sagte es. "Jetzt werde ich dich auffreßen!" Das Heffalump stülpte einen leeren Honigtopf über Poohs Kopf. "Mmmmmpf!", rief Pooh.

Pooh sprang aus dem Bett. Er griff in die Höhe, um sich den Honigtopf vom Kopf zu ziehen, jedoch.... der Topf war nicht mehr da! Auch das Heffalump war verschwunden. "Wo kann es sich nur versteckt haben?", fragte sich Pooh. Er traute sich nicht, das Heffalump zu suchen und rannte so schnell er konnte zu Ferkels Haus.

"Hilfe! Hilfe! Ein schreckliches Heffalump ha-hat sich in meinem Hau-haus versteckt!", keuchte Pooh.

"Ein Heff? Ein Lump? Ein was?", fragte Ferkel und rieb sich die Augen. "Ein Heffalump! Komm schnell mit!" Ferkel blieb keine Zeit zum überlegen. Hätte er Zeit zum Nachdenken gehabt, wäre er bestimmt nicht in die Nacht hinausgestürzt, um Pooh zu helfen ein schreckliches Heffalump zu finden.

Komm raus, Heffalump!", rief Pooh. Ferkel ergriff Poohs Besen und hielt ihn sich über den Kopf. "Du, Pooh?", fragte Ferkel, nachdem er endlich Zeit zum Nachdenken gehabt hatte. "Was machen wir mit dem Heffalump, wenn wir es finden?"

Pooh überlegte und überlegte und überlegte....

"Vielleicht sollten wir beßer Christopher Robin holen", schlug Ferkel vor. "Gute Idee!", stimmte Pooh ihm zu.

Christopher Robin lag im Bett, als die beiden Freunde kamen. "Du mußte einen Alptraum gehabt haben, Pooh", sagte er. "Heffalumps gibt es nicht wirklich." "Das war aber wirklich", widersprach Pooh. "Ich fühlte, wie es mit seiner blauen Nase an mir rumschnüffelte. Und es hat gesagt, daß es mich auffreßen würde." "Wenn sich in deinem Haus tatsächlich ein Heffalump versteckt hat, werden Ferkel und ich dir helfen, es zu finden", sagte Christopher Robin.

"Mü-müßen wir? äh, ich meine.... na klar", stammelte Ferkel.

Die drei Freunde bildeten einen Suchtrupp, um das schreckliche Heffalump zu finden und aus Poohs Haus zu verjagen. Sie schauten unter Poohs Bett. Sie schauten hinter den Spiegel. Sie hoben die Tischdecke hoch und schauten unter den Tisch. Sie öffneten den Vorratßchrank. Alle zehn Honigtöpfe standen noch genau so auf den Regalen, wie Pooh sie hingestellt hatte.

Pooh kratzte sich hinter dem Ohr. "Dann war es wohl doch nur ein Traum", sagte er. "Aber warum kam mir alles so wirklich vor?"

"Träume scheinen manchmal wirklich zu sein", erklärte Christopher Robin. "Aber sie geschehen nur in deinem Kopf." "Oh", sagte Pooh, "aber wenn ich schlafe, wie kann mein Kopf da ein Heffalump erfinden?"

"Wenn dein Körper in der Nacht schläft, bleibt dein Gehirn trotzdem einen Teil der Zeit wach", erklärte Christopher Robin. "Und dann träumst du!", rief Ferkel.
"Richtig", sagte Christopher Robin. "Und wenn du sehr müde bist oder dir wegen etwas große Sorgen machst, kann ein Traum auch zu einem bösen Traum werden."

"Ich war ein wenig besorgt", gab Pooh zu und dachte an Tiggers Warnung. "Und jetzt bin ich schrecklich müde. Aber...."
Ferkel brachte Pooh ins Bett. "...aber was, wenn mein Kopf das Heffalump wieder erscheinen lässt?", fuhr Pooh fort. "Dann ist es dein Traum", erwiderte Christopher Robin. "Alles liegt in deiner Macht. Wenn es zurückkommt, schaust du ihm fest in die Augen und sagst: Heffalump - verschwinde! Heffalump, verschwinde... Heffalump, verschwinde.....Heff....ver...", wiederholte Pooh so lange, bis er wieder tief und fest eingschlafen war. Ferkel und Christopher Robin schlichen auf Zehenspitzen hinaus.

Plötzlich wurde Puuhs Haus wieder wie von einem Erdbeben erschüttert. Ein großes, rotes Heffalump stapfte geradewegs zu Poohs Bett.

"Ho-ho!" rief es mit Grabesstimme.
"He-Heffalump ver-ver.....He-He....fa-fa...", versuchte es Pooh. Das Heffalump war verwirrt. "Wie?", fragte es.

"Verschwinde!", sagte Pooh mit fester Stimme.

Das Heffalump erstarrte. Seine Lippen begannen zu zittern. Seine Augen füllten sich mit Tränen.

"Was hast du denn?", fragte Pooh.
"Ich wollte doch nur einen kleinen Imbiß haben, weiter nichts", schluchzte das Heffalump. "Und du schickst mich - schnüff - einfach weg!"

Da tat es Pooh leid, daß er so grob zu dem Heffalump gewesen war. "Mir knurrt auch ein wenig der Magen", sagte er. "Sollen wir uns einen Topf Honig teilen?"
Das große Heffalump sah ziemlich albern aus, als es auf einem von Poohs kleinen Stühlchen saß. Aber das schien ihm nichts auszumachen. Dieses Mal träumten Pooh und das Heffalump gemeinsam einen süßen Traum.

Diese Geschichte ist aus dem Buch:
"Meine schönsten Geschichten mit Winnie Pooh"
erschienen im Egmont-Verlag
ISBN 3-505-11469-3 für 12.80 Euro
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